Warum gerade diese Stadt von unserer Frankreichreise? Angers hat mit seinen knapp über 150.000 Einwohner*innen eine ähnliche Größe wie Salzburg und ist mit seiner Altstadt aufgrund zahlreicher Fachwerkhäuser ebenfalls UNESCO-Welterbe.
Angers befindet sich zwischen Paris und Nantes auf einer Hauptstrecke des TGV und ist Hauptstadt des Départements Maine-et-Loire. Wie schon der Departmentname sagt, liegt Angers im Talkessel zweier Flüsse. Vor allem die Maine ist bestimmend für das Stadtbild. Sie durchzieht Angers von Nordost nach Süd, wo sie in die Loire mündet. An ihrem Ostufer liegt die Altstadt und am höchsten Punkt die alles überragende Kathedrale Saint-Maurice mit ihren beiden spitzen Türmen und der ungewöhnlich steil aufragenden Hauptfassade. Zum Schutz der drei gotischen Hauptportale, die vom nicht weit entfernten Chartres beeinflusst sind, wurde eine moderne Vorhalle mit einfachen abgestuften Bogenstellungen errichtet. Die Einwohnerinnen von Angers stehen diesem modernen Vorbau teils kritisch gegenüber. Wir fanden ihn sehr gelungen, zurückhaltend in der Sprache und für eine historische Kirche eine bemerkenswerte moderne Veränderung.





Etwas weiter unterhalb, dafür näher am Fluss, befindet sich die große Burg von Angers. Schon in römischen Zeiten begann man auf dem schroffen Felsen über dem Maine-Tal diese zu errichten. Die Grafen von Anjou nutzten den strategischen Vorteil für ihre Residenz, denn nachdem Ende des 12. Jahrhunderts das Anjou an das Königreich Frankreich fiel, entwickelte sich Angers zu einer regionalen Hauptstadt. Nach außen imponiert die Feste durch die Wucht ihrer 17 Türme und ihrer Wehrmauer, auch wenn diese einst sogar zehn Meter höher waren und über spitze Kegeldächer verfügten. Der ehemalige Burgraben ist heute aufwändig als Barockgarten gestaltet.
In einem eigens dafür geschaffenen Gebäude befindet sich in der Burg der berühmte Teppichzyklus der Apokalypse. Er ist der größte jemals in Europa gewebte Wandteppich mit einst 140 Metern Länge, der zwischen 1373 und 1382 im Auftrag von Herzog Ludwig I. von Anjou entstand. Warum und für welchen Zweck ist bis heute nicht ganz geklärt. In der Französischen Revolution wurde der Teppich zerteilt und zweckentfremdet, sodass rund ein Drittel verloren ging. Heute im klimatisierten und lichtgeschützten Raum beeindruckt er durch seine klare Bildsprache mit ausgeprägten Details, die abwechselnd auf roten und blauen Hintergrund gewebt sind, sodass sich ein Schachbrettmuster ergibt.





Rund 40 % der Bevölkerung in Angers sind unter 25 Jahre alt. Angers fühlt sich jung und studentisch an und verfügt über eine ausgeprägte Restaurant- und Barszene, was sich auch in der belebten Altstadt mit buntem Branchenmix widerspiegelt. So gibt es mitten im Zentrum einen großen Monoprix-Supermarkt, der auch am Wochenende geöffnet hat, und eine Markthalle mit verschiedenen Essensständen, die wir bei einem Regenguss genutzt haben, um uns zu stärken. Eine einfache Rasenfläche im Anschluss direkt an der Maine lädt Jung und Alt ein, sich kurz hinzusetzen oder länger zu verweilen.
Ja, es gibt viel Grün in Angers. 1970 wurde auch die Maine nahe dem Stadtzentrum zum Lac de Maine aufgestaut und mit einem großzügigen Park ergänzt. Der Lac de Maine hat sich mittlerweile zu einem Freizeit- und Vogelparadies entwickelt. Auf zwei kleinen Inseln drängen sich dicht Kormorane, verschiedene Reiherarten, Enten und Haubentaucher, ganz in der Nähe von Radfahrern, Joggern, Spaziergängern und mit einem großen öffentlichen Schwimm- und Badebereich im Anschluss.
Auffällig in dieser Stadt ist auch die Begrünung des Straßenraumes. Es wird zwar in allen Städten Frankreichs, die wir besucht haben, sehr viel Wert darauf gelegt, aber in Angers ist dies besonders augenscheinlich. Es wurden auch in der Alstadt Bodenbeläge von Straßen und Plätzen entfernt und mit Bäumen und Blühflächen gestaltet. Sogar der gepflasterte Hauptplatz ist mit einem reversiblen schattenspendenden Pavillon mit Grünflächen und Sitzgelegenheiten ausgestattet. Bei der Recherche zu diesem Stadtporträt habe ich entdeckt, dass Angers als erste grüne Stadt in Frankreich für ihre hohe Lebensqualität ausgezeichnet wurde und gleichzeitig die beste Metropole in Bezug auf Biodiversität ist.




Auch in Sachen öffentlicher Verkehr ist uns Angers aufgefallen, denn die schnittige, moderne Trambahn ist nicht zu übersehen. Im Netz bin ich auf nachfolgende Infos gestoßen, die bei Interesse noch detaillierter nachzulesen sind. Interessant auch, dass mit der Straßenbahn erst vor rund 10 Jahren begonnen wurde :-). Ein Hoffnungsschimmer, dass auch in Salzburg eine Trendwende möglich ist.
„Angers ist eine der mittlerweile vielen Mittelstädte in Frankreich, die auf modernen Verkehr setzen: Knapp 13 Kilometer Strecke, 26 Stationen. (..) Eine elegante neue Bogenbrücke über die Maine wurde extra für die Straßenbahn errichtet; elegant auch die Stromzuführung durch Unterleitung in Teilabschnitten (..). Interessant an Angers ist aber, dass es so etwas wie eine Musterkollektion aller Ideen ist, die die französischen Betriebe so erfolgreich machen. Eine große Rolle spielen intuitiv lesbare Bodenbeläge – das spart eine Menge Bodenmarkierungen und Schilder, weil der Benutzer spürt, was er darf und soll.
2023 wurden nach fünf Jahren Bauzeit zwei neue Linien eröffnet. (..) 80 % der Strecken verlaufen auf Rasengleisen. (..) Dafür wurde eine neue Bewässerungstechnik entwickelt: keine Sprinkler mehr, sondern unterirdische Tröpfchenbewässerung bringt das Wasser genau dorthin, wo es benötigt wird, und spart dabei bis zu 20 % im Vergleich zu den Sprühdüsen. Insgesamt machen mehr als 1700 neue Bäume und Unmengen von Büschen und Gräsern die neuen Linien zu einem linearen Park.“ (https://www.tramway.at/angers/angers.html)